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ORANIENBURG. Das aufregendste Wochenende in der Vereinsgeschichte endete für den Schachklub Bebenhausen 1992 tragisch. Haarscharf verpassten die Schönbucher ein Weiterkommen in der Deutschen Pokal-Mannschaftsmeisterschaft. Obwohl sie es bis ins Finale hätten schaffen können, standen sie am Ende mit leeren Händen da.

Nach einer über achtstündigen Fahrt waren die Goldersbachtäler im brandenburgischen Oranienburg angekommen. Dort warteten mit dem SK Zehlendorf, den SF Lieme und dem SC Oranienburg bereits die Gegner für das Achtel- und Viertelfinale der Deutschen Pokal-Mannschaftsmeisterschaft, die im Fußball dem DFB-Pokal entspricht. Wer am Samstag das Achtelfinale überstand, war auch schon für die nächste Saison für die Pokal-Mannschaftsmeisterschaft auf Deutscher Ebene vorqualifiziert. Wer am Sonntag auch noch das Viertelfinale gewann, stand im Halbfinale des Deutschen Pokal-Wettbewerbs. In diesem Fall hätten die Bebenhäuser als niederklassigster Verein das Recht auf die Heim-Ausrichtung der Final Four gehabt. Entsprechend motiviert fuhren die Schönbucher gen Nord-Osten. Aber schon die Auslosung der Achtelfinalpaarungen vor Ort sorgte für Ernüchterung. Bebenhausen wurde keines der beiden Teams aus Lieme oder Oranienburg, mit denen sich die Goldersbachtäler auf Augenhöhe sahen, sondern der einzige dicke Brocken, der Zweitligist SK Zehlendorf zugelost.

An den Brettern war dann auch schnell klar, dass die Württemberger vor einer sehr schweren Aufgabe standen. Georg Braun hatte am Spitzenbrett gegen Großmeister Jakob Meister schon in der Eröffnung Schwierigkeiten und auch Youngster David Wendler hatte an Brett 4 mit Schwarz gegen den fast 200 Elopunkte „schwereren“ Daniel Malek einen sehr schweren Stand. Lediglich die beiden Weißpartien konnten die Bebenhäuser offen gestalten. Bei Andreas Carstens (Brett 3) und Rudolf Bräuning (2) wechselten sich die Stellungsvorteile immer wieder ab. Ernsthaft Hoffnung keimte bei den Schönbuchern erstmals auf, als Braun seine Stellung konsolidieren konnte. Bei Carstens war zuerst ein Sieg angesagt, danach verschlechterte sich die Lage jedoch immer mehr bis der Bieringer ein verzweifeltes Opfer brachte. Als alle mit einer Niederlage für Carstens rechneten, überschritt dessen Gegner völlig überraschend die Bedenkzeit, was das 1:0 für Bebenhausen bedeutete. Die Führung hielt jedoch nicht lange, da Wendler nie ins Spiel kam und nach 4 Stunden Spielzeit chancenlos verlor.
Nun hing alles an den beiden Spitzenbrettern, an denen die Partie von Bräuning inzwischen mehr Sorgen bereitete als die ausgeglichene Stellung von Braun. Allerdings war Braun erheblich unter Zeitdruck. Die Ausgangslage war klar: Gewinnt Braun, interessiert das Ergebnis von Bräuning nicht mehr, da Bebenhausen nach Berliner Wertung an den höheren Brettern gewonnen hatte. Gehen beide Partien remis aus, gewinnt Bebenhausen ebenfalls nach Berliner Wertung, weil Carstens an Brett 3 gewonnen und Wendler an Brett 4 verloren hatte. Gewinnt Bräuning und Braun verliert, werden wegen Gleichstand nach Berliner Wertung Blitzpartien fällig. Hochspannung bei allen Spielern und Zuschauern war angesagt. Die jeweiligen Mannschaftskameraden besprachen sich natürlich: „Gewinnst Du?“, „Reicht ein Remis bei mir?“, „Muss ich auf Gewinn spielen?“. Bräuning war jedenfalls froh, als nach 78 Zügen und über sechs Stunden Spielzeit nur noch zwei Könige auf dem Schachbrett standen und die Punkteteilung in trockenen Tüchern war. Nun lastete der ganze Druck auf Braun. Der 25-jährige Riedericher hatte sich in der Zwischenzeit völlig befreit und das Remis war greifbar. Sein erfahrener Gegner spielte jedoch unaufhörlich auf Gewinn. Nach 89 Zügen beging Braun eine erste Nachlässigkeit. Im Bestreben weiterer Vereinfachungen tauschte er seinen gut stehenden Springer gegen den schlechter stehenden Springer des Großmeisters. In der Folgezeit spielte der Tübinger Mathematik-Student immer passiver. Als er sich immer mehr einigelte, beschlich auch seine Mannschaftskameraden das Gefühl, dass diese Taktik schief gehen könnte. Die Berliner Schachkoryphäen waren sich nicht einig, ob die Stellung von Braun halten oder nicht halten würde. Schließlich zeichnete sich ab, dass der Goldersbachtäler in Zugzwang kommen würde. Als Braun nach 137 Zügen (137 weiße Züge und 136 schwarze Züge!) und über sieben Stunden Spielzeit zusammenbrach, war der Jammer auf Bebenhäuser Seite natürlich groß und alle Zuschauer drückten den Bebenhäusern ihr Bedauern aus. Den Parallelkampf gewannen die SF Lieme (Stadtteil von Lemgo) mit 3:1 gegen den SC Oranienburg. Nach einer kurzen Nacht der nächste Schock für die Schönbucher. Kurz nach dem Frühstück wurden sie vom Referenten für Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Schachbundes Frank Hoppe darüber unterrichtet, dass die Computer in der Zwischenzeit gefunden hatten, dass Braun im 123. Zug eine studienhafte Rettung ins Remis übersehen hatte.
Aber die Württemberger standen mit leeren Händen da und hatten außer Sympathien nichts gewonnen. Nicht einmal die Vorqualifikation für die nächstjährige Deutsche Pokalrunde war geschafft. Das Viertelfinale gewann Zehlendorf locker mit 4:0 gegen nur drei Spieler der SF Lieme, was die Bebenhäuser Trauer noch verschärfte. Auch mit der Ausrichtung des Final Four in Tübingen wird es nun nichts. Im Halbfinale stehen neben dem SK Zehlendorf, der Deutsche Rekordmeister OSG Baden-Baden 1922, die SF Emstal/Wolfhagen und überraschend der Greifswalder SV. Gegen den Greifswalder SV, der im Halbfinale sensationell die Profitruppe des SK Kirchweyhe 1947 ausschaltete, wären die Schönbucher in einem Halbfinale ebenbürtig gewesen, so dass sogar das Erreichen des Deutschen Pokal-Finales denkbar gewesen wäre. Hätte, wenn und aber. Die Bebenhäuser verbrachten vor der sonntagabendlichen neunstündigen Heimreise noch einen halben Tag im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen vor den Toren Oranienburgs.
INFO: Auch auf der Seite des Deutschen Schachbundes gibt es einen ausführlichen Bericht, mit Bildern, Videos und Partieanalyse unter „https://www.schachbund.de/spielbetrieb-news/pokalsensation-greifswald-besiegt-grossmeistertruppe-und-steht-in-der-finalrunde.html„. Am kommenden Sonntag geht es für den SK Bebenhausen bereits wieder um die Wurst. Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte droht der Abstieg aus der Oberliga Württemberg. In Schmiden gibt es um 10 Uhr ein Entscheidungsspiel zwischen dem Schachklub Schmiden/Cannstatt 1880 und dem Schachklub Bebenhausen 1992.
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