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Silberburg in Bebenhausen

Das Haus des Silberburg-Verlags wird verkauft. Mehr als 700 Quadratmeter Nutzfläche (ca. 350 Quadratmeter Wohnfläche) an einem der schönsten Orte in Baden-Württemberg.

Ein Haus mit Geschichte
In den 173 Jahren seiner Geschichte hat das Haus drei verschiedenen Familien gehört.

Die Historie beginnt auf der entgegengesetzten Seite von Tübingen, im Bläsibad in Derendingen. Die dortige Gastwirtschaft genoss zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei Tübinger Studenten einen legendären Ruf und sorgte für Wohlstand bei der Wirtsfamilie Heinrich-Eisenhardt, die sie betrieb.
Nahezu alle der zehn Kinder dieser Familie übernahmen zwischen 1830 und 1845 eine Brauereigaststätte in der Umgebung Tübingens. Die beiden ältesten Kinder, Ludwig und Rosine Heinrich, ließen sich von ihrem Stiefvater Eisenhardt ihr Erbe auszahlen und kauften mit dem Geld gemeinsam den Gasthof »Zum Ochsen« in Lustnau, der damals im Volksmund »Zum Gaul« hieß, denn der Vorbesitzer hieß Gaul. Dieser hatte 1810 auch eine Brauerei eingerichtet, die sich nun unter Ludwig Heinrich, der zuvor als Braumeister in Ludwigsburg tätig gewesen war, zu der weithin bekannten Lustnauer Brauerei Heinrich entwickelte.

Auch der jüngste Spross der Bierfamilie, Carl Eisenhardt, ging in die Gastronomie. In den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts übernahm er die Schildwirtschaft »Zum Waldhorn« in der ehemaligen »Wiesenmeisterei« auf dem Platz des heutigen Rathauses in Bebenhausen. 1841 wurde die Straße
im Seebachtal geplant, die heutige Landesstraße L 1208, und es war absehbar, dass in dem Waldtal mit dem romantischen Kloster künftig Durchreisende Station machen würden. Carl Eisenhardt erkannte die Chance und errichtete 1845 an der neuen Straße einen Neubau für sein »Waldhorn«. An der anderen Straßenecke errichtete er eine Brauerei – er kam ja aus einer Brauerfamilie. Zur Brauerei gehörten auch eine Schnapsbrennerei und auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Berghang ein Eiskeller.
Der junge Waldhornwirt erhielt nun Unterstützung von seiner Stiefschwester Rosine, die bis dahin das von ihrem Bruder Ludwig erbaute und an der alten »Schweizer Straße« (heute Pfrondorfer Steige) gelegene Lokal »Bierkeller« in Lustnau bewirtschaftete. Nach dem Bau der neuen Straße kehrten die Reisenden jetzt eben nicht mehr dort ein, sondern stiegen im »Waldhorn« in Bebenhausen ab, das damals auch Fremdenzimmer besaß. Rosines Tochter Karoline kam mit nach Bebenhausen und ging hier zur Schule. Dem kleinen Mädchen fiel im »Waldhorn« eine ganz besondere Aufgabe zu: Es musste den vom Oberforstamt verurteilten und im Schreibturm einsitzenden Holz- und Waldfrevlern das Essen bringen und es ihnen durch einen Schieber in der schweren Zellentür hineinreichen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das »Waldhorn« nicht nur eine beliebte Haltestation für Durchreisende, sondern auch Stammlokal der Dorfbewohner, der Forstleute und der Angestellten des Hofes, wenn das Königspaar anwesend war. Hier trafen sich die Vereine, wurden Jubiläen gefeiert und hier wurden mangels eines Rathauses die Gemeinderatssitzungen abgehalten.
Bei seinen Spaziergängen durch das Dorf beobachtete auch Eduard Mörike den regen Betrieb im »Waldhorn« und vermerkte 1863 in seinem Bebenhäuser Tagebuch: »Stell Dir vor, sagt ich zu Cl., wir wären fremde Reisende, im Waldhorn unten eingekehrt und hätten morgen am Tag kaum eine Stunde Zeit, die Merkwürdigkeiten [d. h. Sehenswürdigkeiten] hier anzusehen – wie würden wir den Schulmeister und jedes Kind beneiden, das da zu Haus ist!« Mit »Cl.« meinte er seine Schwester »Clärchen«.

Obwohl auch der »Hirsch« in Bebenhausen eine kleine Brauerei betrieb und
obwohl die Hänge im Tübinger Neckartal über und über mit Weinreben bestockt waren, war der Bierbedarf groß. Die Waldhorn-Brauerei baute am
»Jordan«-Hang nordwestlich über dem Dorf eigenen Hopfen an und erntete
jährlich 40 bis 50 Zentner. Auch das Malz wurde selbst erzeugt – in einem
großen Anbau mit 110 m² Grundfläche, der vom Haus fast bis zum Seebach reichte, und in dem Geviert, das heute im Erdgeschoss von Küche I und II sowie Bad I und II eingenommen wird. 1877 wird schließlich ein bis zur
obersten Spitze mehr als 20 Meter hoher Turm mit Heizraum als neue oder zusätzliche Malzdörre angebaut.
Sofie, die hübsche Tochter des Waldhornwirts, heiratete den Bebenhäuser Schultheißen Theodor Seeger. Die Ehe wurde jedoch nach zwei Jahren geschieden und Sofie heiratete den Bierbrauer Heinrich Speiser, mit dem sie den Gasthof samt Brauerei, Mälzerei und Brennerei bis zu ihrer Auswanderung nach Amerika führte. 1895 schließlich übernahm Hermann Heinrich, der jüngere Bruder des Lustauer Bierbrauers Louis Heinrich, das »Waldhorn« und die dazugehörige Brauerei.
Auch er war ein guter Wirt und auch das Königspaar Wilhelm II. und Charlotte kehrt gern im Waldhorn ein. Charlotte isst dort mit Vorliebe grüne Bohnen oder Maultaschen oder Gaisburger Marsch mit Butterzwiebeln.
Hermann Heinrich braute noch bis 1910 das Bebenhäuser Waldhornbier, dann wurde die kleine und inzwischen unrentabel gewordene Brauerei mit der wesentlich größeren Lustnauer Brauerei seines älteren Bruders zusammengelegt. Da Hermann Heinrich keinen Nachfolger als Wirt hatte, verkaufte er das »Waldhorn« 1928 an Friedrich Schaal, dessen Familie die Gaststätte »Germania« in Pfrondorf besaß, und an seine Frau Maria geborene Schilling.
Das Brauereigebäude blieb im Besitz von Hermann Heinrich, der seinen Lebensunterhalt aufbesserte, indem er einen Teil des Hauses vermietete. 1915 bezog hier der Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Albert Bacher (1850–1928) gemeinam mit seiner Frau Fanny, geb. Kissling (1857–1951), seinen Alterssitz. Albert Bacher war evangelisch getauft, stammte jedoch aus einer jüdischen Familie. Das kinderlose Ehepaar nahm kurz nach seinem Einzug Friederike Heller (1901–1969) auf, ein Mädchen aus dem Dorf, das an Epilepsie litt. Durch die liebevolle Betreuung der Bachers bessert sich ihr Zustand und die Anfälle bleiben schließlich ganz aus.
Den Dorfkindern erteilte Fanny Bacher kostenlosen Klavierunterricht und Nachhilfe in Englisch. Mehrfach nahm sie in der Zeit des Nationalsozialismus Juden auf, die auf ihrem Weg in die sichere Schweiz einen Halt im »Waldhorn« eingelegt hatten. Waldhornwirtin Maria Schaal hatte sie diskret auf die Übernachtungsmöglichkeit bei Fanny Bacher hingewiesen. Auch die ehemalige Königin Charlotte, die in Bebenhausen lebte, und ihre Hofdame Elsa von Falkenstein pflegten zu Fanny Bacher
einen freundschaftlichen Kontakt.

Bereits 1920 übernahm Fanny Bacher das Postamt von Bebenhausen, das sie mit Hilfe von Friederike Heller im heutigen Haus Schönbuchstraße 48 (damals Haus 32) betrieb. 1939 wurde das Postamt ins »Kutscherhaus« verlegt und von Friederike Heller, dem »Postriekele«, allein betrieben; 1945 bis 1965 befand es sich dann wieder in unserem Haus. Als ab 1947 der Landtag von Württemberg-Hohenzollern in Bebenhausen tagte, wurden feste Schalterstunden eingeführt und es wurde ein Briefträger eingestellt. Der Telefon- und Telegrammverkehr der Parlamentarier nahm sie nun besonders stark in Anspruch. Auch die damals im Schloss untergebrachten Gerichte, das Oberlandesgericht und der Verwaltungsgerichtshof, sowie das Hölderlin-Archiv, das Stefan-George-Archiv und ab 1954 die Forstdirektion Südwürttemberg-Hohenzollern wurden von ihr postalisch betreut.

Bis 1944 teilten sich die Bewohner des Hauses eine einzige Küche, die sich in der ehemaligen Malzdörre im Erdgeschoss befand (heute Küche I und II sowie Bad I und II). Nun ließ Hausbesitzer Hermann Heinrich die Küche im Obergeschoss einbauen, so dass zumindest zwei Parteien getrennt voneinander im Haus wohnen konnten. Nach dem Tod von Hermann Heinrich erbte 1954 seine Tochter Frida (oft auch Frieda geschrieben) die Immobilie – damals noch mit der Langwiese, einem zusammenhängenden Acker- und Wiesengrundstück von knapp 85 Ar Größe. Sie war geschieden, lebte von den Mieteinnahmen und starb im März 1962 kinderlos.
Ein halbes Jahr später, am 26. September 1962, wurde das Haus freiwillig versteigert. Es enthielt drei Wohnungen. Vom großen Grundstück wurden damals 10 a 79 m² weggemessen.
Ersteigert hat das Haus Ilse Ludwig, geb. Nabitz (1912–1989). Ihr Mann Gerhard und sie lebten ursprünglich in Köln und waren 1941 Feriengäste von Frida Heinrich gewesen. Erstaunt stellten sie dabei fest, dass der Nationalsozialismus in Bebenhausen im Vergleich zum Rheinland so gut wie keine Rolle spielte. Als Gerhard Ludwig wegen regimekritischer Äußerungen 1942 von der Gestapo inhaftiert wird und bis 1945 in Zuchthäusern und KZs einsitzen muss, zieht Ilse Ludwig in die Bebenhäuser Idylle (Kasernenhof 12), um vor den Nachstellungen der Gestapo sicherer zu sein.
Ihr Mann zog nach der Befreiung 1945 zu ihr, wurde Mitglied im Bebenhäuser Gemeinderat und Geschäftsführer des »Schwäbischen Tagblatts«. 1946 zog es ihn zurück nach Köln, wo er die heute noch florierende Bahnhofsbuchhandlung Ludwig gründete.

Ilse Ludwig trennte sich von ihm und wurde Chefsekretärin im Tübinger Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins.
Ilse Ludwig ließ im Haus einige Umbauten vornehmen und 1966 zwischen Haus und Seebach einen Emscherbrunnen, eine mechanisch-biologische 3-Kammer-Hauskläranlage, einrichten.
Im Winter 1973/74 schlug der Blitz in die Freileitung ein, die am Dach befestigt war, und setzte den Dachstuhl in Brand. Nicht nur das Feuer, auch das Löschwasser verursachte Schäden. 1974 wurden das Obergeschoss
und der Dachstock nach Plänen des Tübinger Architektren Ulrich Reinhardt neu aufgebaut.
Am 1. November 1974 wurde Bebenhausen im Zuge der baden-württembergischen Gemeindereform nach Tübingen eingemeindet. 1980 stellte das Stadtmessungsamt die durchgehende Hausnummerierung in Bebenhausen auf straßenweise Nummerierung um; Haus 32 erhält die neue Adresse Schönbuchstraße 48, der Schuppern 32a wird zu Schönbuchstraße 48/1. Die Straße war zuvor amtlich als »Ortsweg 4« bezeichnet worden, hieß im Volksmund aber Spötterweg.

Nach dem Tod von Ilse Ludwig verkaufte 1992 ihre Tochter, Ulrike Richter, im Auftrag ihrer beiden Töchter Sabine und Christina, die als Erbinnen im Testament genannt waren, das Haus an den Verleger Titus Häussermann aus Stuttgart. Wieder erfolgen einige Umbauten, außerdem der Anschluss an die städtische Kanalisation. Häussermann schließt außerdem mit der Stadt Tübingen am 2. Juli 1992 einen Tauschvertrag über 240 m² Grund. Die Stadt erhält einen Streifen Land entlang des Seebachs, der einen Weg vom Kloster zum Parkplatz ermöglichen soll, der damals in unmittelbarer Nachbarschaft zu Häussermanns Grundstück geplant ist und später einen halben Kilometer südlich davon gebaut wurde. 1992 bis 2017 hatte der Silberburg-Verlag im Haus Schönbuchstraße 48 seinen Sitz. Er veröffentlichte landeskundliche Bücher und die Zeitschrift »Schönes Schwaben«. Zu seinen Verlagsprodukten gehören auch mehrere Bücher über Bebenhausen und den Schönbuch.

Quellen: Hans Haug: Im Schatten des Klosters. Das Dorf Bebenhausen. Eine Ausnahmeerscheinung unter den Dörfern Württembergs. Silberburg-Verlag, Tübingen 2013; vor allem S. 45/46 und S. 127–128; Beiträge von Hans Haug im Mitteilungsblatt für Bebenhausen

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